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Kontinenzförderung in der Pflege: Tipps für den Alltag

21 Uhr auf der Spätschicht. Frau B. klingelt zum dritten Mal. Die Einlage ist erneut nass, während deine Kollegin im Nachbarzimmer den Notruf entgegennimmt. Du wechselst das Produkt, versorgst die Haut und versuchst, die Bewohnerin zu beruhigen. Für ein Gespräch über Toilettenrhythmus, Mobilität oder Scham bleibt scheinbar keine Zeit.

Genau hier beginnt Kontinenzförderung in der Pflege. Sie bedeutet nicht, Einlagen wegzulassen oder jede Inkontinenz heilen zu wollen. Sie bedeutet, genauer hinzusehen, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten und Maßnahmen so zu organisieren, dass sie auch unter Zeitdruck funktionieren. Der aktualisierte DNQP-Expertenstandard zur Kontinenzförderung macht daraus eine fachliche Aufgabe und nicht bloß eine Frage des passenden Hilfsmittels.

Inhaltsverzeichnis

Warum Kontinenzförderung deinen Pflegealltag verändert

Bei Frau B. ist die nasse Einlage zunächst das sichtbare Problem. Das eigentliche Pflegeproblem kann aber an anderer Stelle liegen. Vielleicht erreicht sie die Toilette nicht rechtzeitig, weil der Rollator zu weit entfernt steht. Vielleicht trinkt sie tagsüber zu wenig und bekommt abends starken Harndrang. Vielleicht kann sie den Toilettengang grundsätzlich selbstständig bewältigen, braucht aber eine feste Erinnerung oder mehr Zeit beim Aufstehen.

Wenn du nur das Produkt wechselst, versorgst du die Folge. Du veränderst aber nicht die Situation, die zur Nässe geführt hat. Dadurch entstehen wiederkehrende Klingelereignisse, zusätzliche Transfers und häufig ungeplante Unterbrechungen. Für die betroffene Person kommen Scham, Rückzug und das Gefühl hinzu, anderen zur Last zu fallen.

Der Unterschied zwischen Versorgung und Förderung

Passive Versorgung bleibt wichtig. Einlagen, Bettunterlagen und Pants können Sicherheit geben, wenn sie bedarfsgerecht ausgewählt und korrekt angewendet werden. Sie ersetzen aber keine Einschätzung. Wer vorsorglich ein besonders aufnahmefähiges Produkt anlegt, obwohl die Person mit Unterstützung zur Toilette gehen könnte, nimmt ihr möglicherweise eine Gelegenheit zur Selbstständigkeit.

Auch die Risiken sind im Alltag eng miteinander verbunden. Ein nächtlicher Toilettengang ohne erreichbare Gehhilfe kann das Sturzrisiko erhöhen. Feuchtigkeit kann die Haut belasten. Scham kann dazu führen, dass Bewohnerinnen und Bewohner Aktivitäten in der Gruppe meiden oder Klingeln hinauszögern.

Praktische Regel: Jede nasse Einlage ist nicht automatisch ein Auftrag zum Produktwechsel. Sie ist zunächst ein Hinweis, die Situation, den Zeitpunkt und den Ablauf zu prüfen.

Kontinenzförderung kann das Team entlasten, wenn sie konsequent an der individuellen Ursache ansetzt. Ein vereinbarter Toilettenrhythmus, ein gut erreichbarer Toilettenstuhl und eine klare Übergabe sind oft alltagstauglicher als immer größere Produkte. Das funktioniert allerdings nur, wenn alle Beteiligten dieselbe Vorgehensweise kennen und dokumentieren.

Würde braucht Zeit, aber nicht immer viel

Scham lässt sich nicht mit einem Standardtext beseitigen. Du brauchst eine ruhige Sprache, geschlossene Türen und eine Erklärung, bevor du handelst. Ein Satz wie „Du entscheidest mit, wie wir dich unterstützen“ kann mehr bewirken als eine routinierte Frage nach der Einlage.

Die pflege.de-Erhebung zur Inkontinenzversorgung beschreibt Zeitmangel und das Schamgefühl der Betroffenen als zentrale Barrieren. Der Leidensdruck wurde dort im Mittel mit 7,5 von 10 Punkten angegeben. Das zeigt, warum Kontinenzförderung kein Zusatzthema ist. Sie gehört zu einer Pflege, die Selbstständigkeit, Sicherheit und Würde gleichzeitig berücksichtigt.

Was Kontinenzförderung in der Pflege wirklich bedeutet

Ein Werkzeugkasten ist eine passende Analogie. Mit einem Hammer kannst du einen Nagel einschlagen, aber keine Schraube festziehen und keine Strecke ausmessen. Für gute Arbeit brauchst du mehrere Werkzeuge, die du passend zur Aufgabe auswählst. Genauso funktioniert der DNQP-Expertenstandard Kontinenzförderung.

Die Übersicht der ZQP zur Kontinenzförderung beschreibt einen Prozess aus Erkennen, Einschätzen, Planen, Durchführen und Auswerten. Der Standard wurde erstmals im April 2007 veröffentlicht, seit April 2014 erstmals aktualisiert und 2024 zum zweiten Mal aktualisiert, wie die Fachübersicht zur Entwicklung des Expertenstandards zusammenfasst.

Grafik eines Werkzeugkastens mit verschiedenen Werkzeugen, die Pflegemaßnahmen zur Kontinenzförderung nach DNQP-Expertenstandard visuell veranschaulichen.

Fünf Werkzeuge für eine abgestimmte Pflege

Anamnese und Assessment liefern den Zollstock. Du misst nicht im wörtlichen Sinn, sondern erfasst, wann und unter welchen Bedingungen Kontinenzprobleme auftreten. Dazu gehören Ressourcen, Einschränkungen, Trinkverhalten, Mobilität und bisherige Strategien.

Toiletten- und Blasentraining sind pflegerische Interventionen. Du verabredest passende Zeitfenster, unterstützt rechtzeitig und beobachtest, ob die Person den Gang zur Toilette zunehmend selbstständiger bewältigt.

Flüssigkeits- und Ernährungsmanagement verhindert, dass du nur den Ausscheidungszeitpunkt betrachtest. Die fachlichen Empfehlungen beziehen auch Getränke und Ernährung ein. Bei überaktiver Blase wird die deutliche Reduktion koffeinhaltiger Getränke empfohlen. Bei Harninkontinenz und Adipositas kann Gewichtsreduktion relevant sein, weil zusätzlich Druck auf Blase und Beckenboden entstehen kann, wie die ZQP-Pflegeleitlinien zur Kontinenzförderung erläutern.

Hilfsmittel und Umfeldanpassung sind die Zange. Dazu gehören mobile Toilettenhilfen, ableitende Hilfsmittel, geeignete Kleidung, Beleuchtung und ein freier Weg zur Toilette.

Beratung und digitale Assistenz ergänzen das Paket. Bewohnerinnen, Bewohner und Angehörige müssen verstehen, was vereinbart wurde. Digitale Systeme können dabei unterstützen, wenn sie in die vorhandene Dokumentation und den tatsächlichen Arbeitsablauf passen.

Förderung, Kompensation und Kuration

Kuration zielt auf Heilung oder medizinische Behandlung. Kompensation gleicht eine Einschränkung aus, etwa durch eine Einlage oder einen Toilettenstuhl. Förderung stärkt die vorhandene Fähigkeit. Diese drei Ansätze schließen sich nicht aus, aber sie verfolgen unterschiedliche Ziele.

Kontinenzförderung will nicht jede Inkontinenz beseitigen. Sie fragt: Was kann die Person selbst? Welche Unterstützung braucht sie? Welche Umgebung macht den Toilettengang möglich? Eine Einlage kann weiterhin sinnvoll sein, während du gleichzeitig Mobilität, Timing und Selbstständigkeit förderst.

Wer den DNQP-Expertenstandard zur Förderung der Harnkontinenz in den Alltag übersetzt, arbeitet deshalb nicht nach einem starren Rezept. Du wählst die Werkzeuge aus, die zum Kontinenzprofil passen, und prüfst regelmäßig, ob sie tatsächlich helfen.

So verbreitet ist Harninkontinenz in Deutschland

Auf einer Station zeigt sich Harninkontinenz selten nur in einzelnen Situationen. Sie beeinflusst Transfers, Toilettengänge, Wäschewechsel und die Scham der betroffenen Menschen. Die aktualisierte DNQP-Fassung 2024 führt mehrere deutsche Prävalenzquellen zusammen. Eine ZQP-Auswertung von Krankenversicherungsdaten aus 2018 erfasste Harninkontinenz bei 54 % der stationär versorgten und 33 % der ambulant versorgten Menschen. Diese Gruppen sind unterschiedlich zusammengesetzt und dürfen nicht ohne Einordnung verglichen werden.

Eine weitere Studie aus 2021/2022 mit rund 3.600 Teilnehmenden ab 60 Jahren kam auf 28 %, die Harninkontinenz angaben. Ab 80 Jahren lag der Anteil bei 48 % der Frauen und 35 % der Männer. Die Angaben sind im DNQP-Auszug zur Aktualisierung 2024 dokumentiert.

Zahlen nach Versorgungssetting

Setting Betroffene Bemerkung
Stationär versorgte Menschen 54 % ZQP-Auswertung von Krankenversicherungsdaten aus 2018
Ambulant versorgte Menschen 33 % ZQP-Auswertung von Krankenversicherungsdaten aus 2018
Menschen ab 60 Jahren 28 % Studie 2021/2022 mit rund 3.600 Teilnehmenden
Menschen ab 80 Jahren, Frauen 48 % Angaben aus der Studie 2021/2022
Menschen ab 80 Jahren, Männer 35 % Angaben aus der Studie 2021/2022

Historische Daten der SÄVIP-Studie zeigen, dass in 782 Alten- und Pflegeheimen mit knapp 65.000 Plätzen bei 72 % der Bewohnerinnen und Bewohner Harninkontinenz festgestellt wurde. Der Bericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes ordnet diese Ergebnisse in die bundesweite Versorgungslage ein.

Auch ambulante Dienste bearbeiten täglich viele Kontinenzprobleme. Der ZQP-Kurzbericht zur IMKE-Studie mit 102 ambulanten Diensten und 923 Klientinnen und Klienten nennt eine durchschnittliche Prävalenz von 64 %. Die Länderwerte lagen laut GBE-Darstellung zwischen etwa 49 % in Schleswig-Holstein und 75 % in Nordrhein-Westfalen.

Für die Praxis heißt das: Kontinenzförderung gehört in stationäre Langzeitpflege, ambulante Touren und die Versorgung älterer Menschen zu Hause. Wegen der unterschiedlichen Werte braucht jede Person eine eigene Einschätzung, besonders wenn Zeitdruck, Scham oder fehlendes Personal die Unterstützung erschweren. Passen Toilettenrhythmus, Wege und Hilfsmittel zur Person, lassen sich auch unter knappen Bedingungen konkrete Schritte umsetzen.

Anamnese und Assessment als Grundlage

Eine Förderung ohne Einschätzung ist Aktionismus. Du kannst zwar Toilettengänge anbieten oder ein Miktionsprotokoll beginnen, aber ohne Kontext bleibt offen, ob die Maßnahme zur Person passt. Das Assessment macht aus einzelnen Beobachtungen ein pflegerisches Entscheidungswerkzeug.

Bei der Aufnahme brauchst du kein Verhör. Du brauchst gezielte Fragen und eine respektvolle Gesprächsführung. Frage nach dem bisherigen Toilettenrhythmus, nach Drang, Verlustsituationen, Hilfebedarf und bevorzugten Gewohnheiten. Ergänze diese Angaben durch Beobachtungen zu Mobilität, Orientierung, Kognition und dem Umgang mit Kleidung oder Hilfsmitteln.

Welche Informationen wirklich weiterhelfen

Erfasse die Ausscheidungsfrequenz und erkennbare Muster. Wann tritt der Urinverlust auf? Beim Aufstehen, auf dem Weg zur Toilette, beim Husten, nachts oder ohne vorherigen Drang? Ebenso wichtig sind Trinkmenge, Trinkzeiten und koffeinhaltige Getränke, sofern diese Informationen zuverlässig erhoben werden können.

Berücksichtige Vorerkrankungen und Medikamente im Rahmen deiner pflegerischen Anamnese und der interprofessionellen Abstimmung. Prüfe außerdem, ob die Person den Toilettenweg bewältigt, Hosenverschlüsse öffnen kann, Aufforderungen versteht und ein Hilfsmittel sicher nutzt.

Instrumente nach Aufwand auswählen

Ein Miktionsprotokoll kann Muster sichtbar machen, braucht aber verlässliche Einträge über einen abgestimmten Zeitraum. Der Barthel-Index hilft, die funktionelle Selbstständigkeit und den Unterstützungsbedarf im Alltag einzuordnen. Inkontinenzfragebögen können die Perspektive der betroffenen Person strukturieren, wenn sie kognitiv und kommunikativ dazu in der Lage ist.

Im Schichtalltag reichen oft kurze, standardisierte Fragen als erster Schritt:

  • Timing: Wann war der letzte Toilettengang?
  • Drang: Konnte die Person den Harndrang ankündigen?
  • Mobilität: Welche Unterstützung war beim Aufstehen und beim Weg nötig?
  • Bewältigung: Welches Produkt oder welche Strategie nutzt die Person bisher?
  • Veränderung: Was ist heute anders als an den Vortagen?

Die Beispiele für Assessments in der Pflege können dir helfen, die Auswahl an die Situation anzupassen. Entscheidend ist nicht, möglichst viele Bögen auszufüllen. Entscheidend ist, dass du aus den erhobenen Informationen eine begründete Maßnahme ableitest und deren Wirkung wieder prüfst.

Die fünf Bausteine aktiver Förderung

Unter Personalmangel brauchst du eine Reihenfolge. Nicht jede Maßnahme lässt sich gleichzeitig und vollständig umsetzen. Beginne mit den Interventionen, die im individuellen Fall die größte Bedeutung haben und sich zuverlässig in den Ablauf integrieren lassen.

Grafik zeigt die fünf Bausteine aktiver Kontinenzförderung: Beckenbodentraining, Trinkmanagement, Mobilisation, Hautschutz sowie Hilfsmittel und Umfeldgestaltung.

Bewegung und Toilettengang verbinden

Mobilisation ist oft der erste Hebel. Stelle den Rollator erreichbar bereit, sichere das Aufstehen und plane den Toilettengang nicht erst nach dem Klingeln. Eine günstige Sitzposition, passende Kleidung und ein freier Weg können mehr bewirken als ein Wechsel zu einem größeren Produkt.

Beim Toilettengangsmanagement helfen feste, individuell vereinbarte Zeitfenster. Du musst nicht jede Person nach demselben Schema begleiten. Beobachte, wann die Person typischerweise Harndrang entwickelt, und passe die Unterstützung daran an.

Trinken strukturiert begleiten

Ein Trinkplan kann verhindern, dass Flüssigkeit nur unregelmäßig angeboten wird. Er sollte zur Person, zur Situation und zu bestehenden Vorgaben passen. Ziel ist keine pauschale Einschränkung, sondern eine nachvollziehbare Struktur, die ausreichendes Trinken und planbare Toilettengänge zusammenbringt.

Beckenboden, Haut und Hilfsmittel

Beckenbodentraining kommt nur infrage, wenn die Person die Anleitung versteht und körperlich mitarbeiten kann. Entspannung und gezielte Aktivierung müssen zur individuellen Kontinenzform passen. Eine standardisierte Übung für alle ist deshalb nicht sinnvoll.

Hautschutz beginnt mit einer schonenden Reinigung, sorgfältigem Trocknen und einer passenden Schutzpflege. Kontrolliere die perianale Haut regelmäßig und dokumentiere Veränderungen nachvollziehbar. Bei Hilfsmitteln zählt nicht die maximale Aufnahmefähigkeit, sondern die passende Größe, die richtige Saugstärke und ein Wechselzeitpunkt, der zur Situation passt.

Im Zweifel zählt die Kombination: Erst Verhalten und Umgebung prüfen, dann Hilfsmittel ergänzen. Ein Produkt kann Sicherheit schaffen, aber es trainiert keine Fähigkeit.

Medizinische Maßnahmen und Medikamente gehören in die zuständigen interprofessionellen Prozesse. Pflegefachlich bleibt deine Aufgabe, Veränderungen zu beobachten, weiterzugeben und die vereinbarten Maßnahmen umzusetzen. Auch das Legen eines Blasenkatheters ist keine bequeme Abkürzung für fehlende Organisation, sondern eine invasive Maßnahme mit klarer Indikation und Zuständigkeit.

Warum Kontinenzförderung im Alltag oft scheitert

Der DNQP-Standard ist fachlich breit angelegt. Die Realität auf Station ist enger. Laut pflege.de-Erhebung 2025 nannten Pflegekräfte vor allem Zeitmangel mit 28 % und das Schamgefühl der Betroffenen mit 25 % als Hauptbarrieren. Gleichzeitig wurden Einlagen, Bettunterlagen und Pants häufig genutzt, während der Leidensdruck im Mittel 7,5 von 10 Punkten betrug.

Zeitdruck ist dabei nicht nur ein persönliches Organisationsproblem. Wenn mehrere Notfälle gleichzeitig auftreten, fällt zuerst das weg, was nicht eindeutig zugeordnet ist. Eine unklare Kontinenzförderung wird verschoben, während der Produktwechsel als sofort sichtbare Aufgabe bestehen bleibt.

Wo Routinen gegen Förderung arbeiten

Ein hoher Produktstandard kann Sicherheit geben, aber auch zur Ersatzhandlung werden. Wenn alle Bewohnerinnen und Bewohner vorsorglich dasselbe Produkt tragen, prüft im Team möglicherweise niemand mehr, ob Toilettentraining, Mobilisation oder eine Umgebungsanpassung möglich wären.

Scham verschärft die Situation auf beiden Seiten. Betroffene sprechen Beschwerden nicht an, Pflegekräfte vermeiden lange Gespräche und Angehörige übernehmen aus Unsicherheit manchmal ungeeignete Routinen. Die Einordnung von Ekel und Scham in der Pflege hilft, diese Reaktionen nicht als mangelnde Kooperation zu missverstehen.

Kleine Strukturen halten besser als große Projekte

Du brauchst nicht zuerst ein umfangreiches Konzept. Starte mit einer kurzen Übergabeinformation: Wer braucht heute zu welchen Zeitpunkten Unterstützung? Wer übernimmt die Beobachtung? Was soll am Ende der Schicht dokumentiert sein?

Bewährt haben sich einfache Vereinbarungen:

  • Eine Person pro Schicht: Eine Pflegefachkraft behält die geplanten Kontinenzmaßnahmen im Blick.
  • Kurzes Protokoll: Dokumentiert werden nur relevante Zeitpunkte, Unterstützung und Ergebnis.
  • Klare Zuständigkeit: Alle wissen, wer Angehörige informiert und wann die Evaluation erfolgt.
  • Offene Fehlerkultur: Ein verpasster Toilettengang wird analysiert, nicht versteckt.
  • Teamübergreifende Sprache: Pflege, Betreuung und Angehörige verwenden dieselben Begriffe und Ziele.

Der Standard scheitert nicht an seiner fachlichen Breite. Er scheitert dort, wo niemand die Inhalte in eine konkrete Stationsroutine übersetzt. Eine kurze, konsequente Maßnahme ist im überlasteten Dienst wertvoller als ein perfekter Plan, der nicht durchgeführt wird.

Individueller Förderplan und Gespräche mit Angehörigen

Ein Förderplan beginnt mit einer Entscheidung: Was soll diese Person im Alltag möglichst selbstständig tun können? Die Antwort muss konkret sein. „Kontinenz verbessern“ ist zu ungenau. „Frau B. nutzt die Toilette tagsüber mit Rollator und einer angeleiteten Unterstützung“ beschreibt dagegen eine beobachtbare Richtung.

Übertrage die Ergebnisse aus dem Assessment in die vorhandene Dokumentationsstruktur, etwa in SIS oder eine AEDL-orientierte Pflegeplanung. Verknüpfe Ressourcen, Risiken, Vorlieben und Maßnahmen so, dass die nächste Pflegefachkraft ohne Rückfrage erkennt, was zu tun ist.

Eine Grafik zur Erstellung eines individuellen Förderplans in drei Schritten: Assessment, Zielvereinbarung sowie Umsetzung und Dokumentation.

Ein Plan, der im Dienst funktioniert

Ein alltagstauglicher Förderplan enthält mindestens:

  1. Ein Ziel in einem Satz, verständlich und beobachtbar formuliert.
  2. Die verantwortliche Person oder Rolle, damit die Aufgabe nicht im Team verschwindet.
  3. Die Frequenz oder das Zeitfenster, angepasst an den individuellen Rhythmus.
  4. Den Evaluationstermin, an dem ihr Wirkung und Belastung prüft.
  5. Die Dokumentationsform, damit Veränderungen ohne vollständige Neuschreibung erfasst werden.

Wenn Frau B. an einem Tag deutlich mehr Unterstützung braucht, dokumentierst du die Abweichung und den Anlass. Du musst nicht jedes Mal den gesamten Plan neu formulieren. Ändere nur die relevante Maßnahme, begründe die Anpassung und gib sie in der Übergabe weiter. So bleibt die Dokumentation übersichtlich und handlungsorientiert.

Die Dokumentation in der Pflege sollte zeigen, was vereinbart, durchgeführt und ausgewertet wurde. Ein Eintrag wie „versorgt“ reicht dafür nicht aus. Aussagekräftiger ist: „Toilettengang nach dem Frühstück mit Rollator, verbale Anleitung, Kleidung selbstständig geöffnet, kein Urinverlust.“

Angehörige als Beobachtungspartner gewinnen

Angehörige bringen wichtige Informationen mit, kennen Gewohnheiten und bemerken Veränderungen oft früh. Gleichzeitig kommen Sorgen auf. Manche fragen, wer die Kosten für Windeln oder Pants übernimmt. Andere empfinden Schuld, schämen sich oder drängen auf eine schnelle Lösung.

Beginne nicht mit Fachbegriffen. Sag zum Beispiel: „Wir möchten herausfinden, wobei Ihre Mutter noch selbstständig sein kann und an welcher Stelle sie Unterstützung braucht.“ Bei Partnern und Kindern hilft auch: „Sie müssen die Pflege nicht übernehmen. Wenn Sie uns sagen, wann der Harndrang typischerweise auftritt, können wir die Unterstützung besser planen.“

Gib Angehörigen einfache Beobachtungsaufträge. Sie können auf Trinkverhalten, Toilettenrhythmus, Gangunsicherheit oder neue Verhaltensänderungen achten. Medizinische Bewertungen gehören in die zuständigen Hände. Deine Aufgabe ist, Beobachtungen einzuordnen, weiterzugeben und die gemeinsame Vereinbarung im Pflegeprozess zu sichern.

Kontinenzförderung als Haltung im Pflegealltag

Kontinenzförderung ist keine Zusatzaufgabe, die nur bei ausreichender Besetzung stattfindet. Sie zeigt sich in der Übergabe, beim Anreichen von Getränken, bei der Mobilisation, beim Ankleiden und bei jedem Toilettengang. Assessment statt Aktionismus, abgestimmte Bausteine statt reiner Einlagenroutine und ein klarer Förderplan statt Einzelwissen machen den Unterschied.

Grafik zur Kontinenzförderung als Haltung im Pflegealltag mit vier zentralen Säulen für eine bessere Lebensqualität.

Eine kontinenzfördernde Haltung schützt die Würde der betroffenen Person und kann Abläufe planbarer machen. Sie ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung und löst keinen Personalmangel. Aber sie hilft dir, vorhandene Zeit gezielter einzusetzen, Risiken früh zu erkennen und Angehörige sinnvoll einzubinden.

Starte klein. Fördere eine Person pro Schicht gezielt, führe ein Assessment pro Woche gründlich durch und plane ein Angehörigengespräch pro Monat. Entscheidend ist nicht, sofort alles umzustellen. Entscheidend ist, aus fachlichem Wissen eine verlässliche Routine zu machen.

Die Arbeit in der Pflege verlangt dafür nicht nur Fachlichkeit, sondern auch passende Rahmenbedingungen. Wenn du mehr Gestaltungsspielraum, planbare Unterstützung und Einsätze in unterschiedlichen Versorgungsbereichen suchst, kann Zeitarbeit eine realistische Option sein. Sie bietet Flexibilität und neue Erfahrungen, bringt aber auch wechselnde Teams, Einarbeitungsaufwand und die Notwendigkeit mit, dich schnell auf verschiedene Abläufe einzustellen.


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